| Der Junge und der Taucher |
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Kurzgeschichte von Carsten Pape, zu hören auf der CD "Es lebt", gedruckt im Sampler "Mein Meer" Früher als ich noch ein kleiner Junge war, fuhren meine Eltern mit mir immer an den Timmendorferstrand in den Urlaub. Jedes Jahr. Ich liebte das Wasser! Ich kann wirklich von mir behaupten, dass ich damals gern geschwommen bin und mich alle wahrlich als Wasserratte bezeichneten. Ich war was das Schwimmen anging, sehr überzeugt von mir selbst, da ich schon mit vierzehn mein DLRG machte. Also DLRG Grundschein hieß das damals. Um jetzt mal ganz ehrlich zu sein, war ich nicht nur überzeugt von mir, sondern auch ziemlich eingebildet, was mein Durchhalte vermögen im Wasser anging. Denn ich hatte nicht nur mein DLRG, sondern auch meinen „Totenkopfschwimmer“. Das hieß, dass ich es geschafft hatte mich in einem Schwimmbecken drei Stunden über Wasser zu halten, ohne auch nur einmal den Beckenrand zu berühren. Warum man so etwas macht? Nun ja das Abzeichen auf der Badehose, sah erheblich cooler aus, als das DLRG Abzeichen. Denn es handelte um einen schwarzen Totenkopf auf rotem Hintergrund. Das klingt heute vielleicht etwas albern, aber wir hatten Anfang der Siebziger....... Jedenfalls stand ich, mit knapp sechzehn Jahren, wieder in unserem Jahresurlaub angekommen, auf der ersten Sandbank, die man vom Strand aus erreichen konnte und spielte mit einem Wasserball „Fallrückzieher machen“, wobei ich mich nach jedem Schuss galant ins Wasser fallen lies. Ich fühlte mich wie ein Nationalspieler der gerade die Ehre der Deutschen Mannschaft wieder herstellen würde. In meinen Gedanken stand ich im Stadion. So hechtete ich wie Sepp Maier, sprang wie Wolfgang Overath, schlug Pässe wie Günter Netzer und machte Fallrückzieher wie Uwe Seeler. Und dabei passierte es eben, also bei einem Fallrückzieher von „Uns Uwe“, das ich den Ball zu stark schoss und der in einem hohen bogen über mich weg flog und hinter mir auf das Wasser klatschte. Ich wollte mir den Ball einfach wiederholen, aber es gelang mir nicht so ganz, denn er wurde vom Wind immer wieder in einiger Entfernung, vor mir her getrieben. Für einen Beobachter hätte das sicherlich recht komisch ausgesehen und die ersten Minuten fand ich es auch noch ganz witzig, aber ich wollte weiterspielen. Der Ball aber, wie von Geisterhand gezogen, machte mich so langsam wütend. Schließlich spielte ich die Partie Deutschland gegen England und dabei handelte es sich natürlich um die Rache von Wembley. Ich wurde regelrecht wütend, da ich in dieser Spiel entscheidenden Phase war, wo doch der Untergang der Engländer schon ganz deutlich wurde. Die erste Sandbank endete und ich konnte dem Ball nicht mehr hinter her laufen. Also schwamm ich die paar Meter bis zur nächsten, wobei sich der Ball Zeitweise nur ein paar Zentimeter vor meiner ausgestreckten Hand bewegte. Das machte mich noch wütender. Dann erreichte ich die nächste Sandbank, sprang aus dem Wasser und hechtete nach dem Ball. Wieder und wieder rutschte mir der Ball von den Fingerspitzen. Dann die nächste Sandbank und wieder das gleiche Spiel. Ich weiß nicht mehr genau wie viele Sandbänke es gewesen waren, aber die Abstände zwischen den einzelnen wurden immer größer. Als letztes, dass weiß ich noch ganz genau, kam eine zunächst sehr flache Sandbank, dass Wasser ging mir bis knapp über die Knöchel, die dann aber plötzlich steil ins Wasser führte. Fast, um ein Haar, hätte ich den Wasserball auf dieser letzten Sandbank erwischt, aber kurz bevor ich ihn mir greifen konnte verlor ich den Boden unter meinen Füßen. Ich tauchte wieder auf und so cirka zwei Meter vor mir trieb mein Wasserball. Fast hatte ich das Gefühl er würde mich anlächeln und damit sagen wollen: „ Du kriegst mich doch nicht.“ Ich krauelte einen wirklichen Sprint hinter ihm her. Zu guter letzt hechtete ich noch ein Stückchen aus dem Wasser, unter Aufwendung all meiner Kraft und schnappte ihn mir. „Ha, gewonnen“ grölte ich nach Luft schnappend, wobei ich mich an den Wasserball klammerte. Jetzt erst drehte ich mich zum ersten Mal zum Strand um. Wahrscheinlich hatte ich die Hoffnung, dass ein paar Urlauber meine wilde Jagd beobachtet hatten und mir jetzt stürmisch applaudieren würden. Aber da waren keine Urlauber. Da war nicht mal mehr Strand! Da war nur ein kleiner fast schwarzer Streifen, der einen erahnen lies, dass das Wasser dort wohl endet. Der Schock saß so tief, dass ich für einen Moment überhaupt nicht mehr denken konnte. Ich klammerte mich an den Wasserball. Dabei drehte ich mich im Kreis und mir fiel auf, dass ich immer weiter abgetrieben wurde. Oder auch nicht, denn mir war in diesem Moment nicht mehr so ganz klar, aus welcher Richtung ich gekommen war. Auch bemerkte ich, dass ich ganz schön fertig war. Doch bevor ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, ereilte mich der nächste Schock. Das Wasser wechselte die Farbe unter mir. Ich konnte kaum noch meine Füße sehen, so dunkel wurde es plötzlich. Eine wirkliche Panik ergriff mich und ich wirbelte suchend mit dem Kopf herum. Aber das einzige was ich bemerkte, waren die riesigen Schiffe, die vom Strand aus noch wie Spielzeugschiffe ausgesehen hatten. Jetzt wirkten sie wie Hochhäuser, die sich polternd durch das Wasser bewegten. Die Wellen wurden höher, dass Wasser wurde dunkler und ich hatte das Gefühl, ich trieb direkt auf die Schifffahrtslinie zu. Verzweifelt klammerte ich mich an den Wasserball und spürte wie das Wasser langsam immer kälter wurde. Seltsamerweise fing ich nicht an zu weinen, sondern versuchte über die Wellenkronen hin weg zu gucken, ob es nicht doch noch etwas geben würde was mich retten könnte. Aber was sollte das schon sein? Doch dann sah ich etwas Dunkles aus dem Wasser ragen. Es schien auf einem Fleck zu kleben. An den Wasserball geklammert spähte ich nun durch die Schaumkronen der Wellen. Verschwommen konnte ich etwas Rundes mit einem recht hohen Aufbau erkennen. Wenn das kein Glück war! Fast war ich schon dran vorbei getrieben. Die Boje war gut 50 Meter von mir entfernt auf gleicher Höhe. Wenn ich jetzt die Chance nicht nutzen würde, hätte ich ne’ faire Chance in einer halben Stunde erfroren zu sein. Das war mir klar. Ich stieß mich fast vom Wasserball weg, so als wenn er mir noch Schwung geben könnte, mobilisierte meine letzten Kräfte und schwamm in die Richtung der Boje. Wenn ich jetzt daran denke, fühle ich immer noch wie kalt und schwarz das Wasser war. Ich schwamm wirklich um mein Leben. Und dann wie durch ein wunder berührten meine Fingerspitzen plötzlich etwas Hartes. Die Boje! Ich hatte es geschafft! Es gab kein richtiges Geländer und keine Treppe, aber es gab zwei eingelassene Stufen und einen Griff an dem man sich hoch hangeln konnte. Der Wind zerrte an mir und rüttelte an der Boje. Es war auch keine richtige Rettungsboje, sondern eine Signalboje. Dennoch gab es in der Mitte eine kleine Fläche, auf der ich durch aus bequem sitzen konnte. Aus der Mitte dieser Fläche ragte ein stabil aussehender Mast an dessen Ende eine Art Signallampe thronte, die aber nicht an war. Ich klammerte mich um diesen Mast in Embryohaltung und wurde Ohnmächtig. Vor Erschöpfung, aber auch vor Angst. Das Wasser welches gegen die Boje klatsche holte mich aus meiner Zuflucht und weckte mich. Der Wind hatte zugenommen und das Licht über mir war angegangen. An. Aus. AN . AUS :An. Aus. AN. AUS. Leider war jetzt nicht nur das Wasser dunkel, sondern die ganze Umgebung. Es war Nacht geworden. Der Rhythmus des Lichtes tauchte alles in eine Illusion oder in ein Traumbild. Das Meer erschien mir wie ein riesiges Monster, dass sich nur von den Sternen besänftigen lies, mich nicht zu fressen. An .Aus . AN .AUS. Ich saß im Schneidersitz schlotternd an den Mast gekrallt und sah mit zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit. Nichts. Wie gestrandet auf einem fernen Planeten. Ich klapperte wirklich mit den Zähnen, spürte wie der Wind an mir zerrte und meine Kräfte langsam den null punkt erreichten. An. Aus. AN. AUS. Doch irgendetwas rüttelte plötzlich wieder an meinen Lebensgeistern. Gab mir Hoffnung! Irrational, aber es war da. Ich dachte daran, dass doch zumindest meine Mutter bei der Wasserschutzpolizei verrückt spielen würde, wenn die mich nicht suchen würden und mein Vater wäre doch schon selbst ins Wasser gesprungen oder hätte sich ein Boot geordert. Ich spähte weiter über das Wasser und stellte mich hin, um besser sehen zu können. Ich rief einfach ein paar Mal um Hilfe und nach meinem Vater. Das war natürlich Unsinn bei dieser Dunkelheit, aber es gab mir irgendwie das Gefühl alles zu tun was in meiner Macht stand. An. Aus. AN. AUS. Ich kniff die Augen zusammen. An. Aus. Der Wind klatschte die Wellen gegen die Boje, die wie selbst verliebt ein wenig mehr torkelte. Meine Finger krallten sich in den Mast, während sich der Wind bemühte, dem Wasser das weiße Haupthaar zu föhnen. An. Aus. AN. AUS. Dann sah ich es plötzlich, zwei Meter neben der Boje ragte etwas Rundes aus dem Wasser. Es erschien mir wie das Auge eines Riesenpolypen. So etwas gibt es nicht, hämmerte es in meinem Kopf. Unmöglich. Mist. Seemannsgarn! Es kam auf meine Festung zu, die eben doch noch eindeutig mir gehört hatte. An. Aus. AN: AUS: Etwas knallte gegen die Boje und ich konnte schemenhaft erkennen, wie etwas, sich am Griff festhaltend, die Boje erklomm. Ich schrie einfach los und rutschte an dem Mast herunter. Ich krümmte mich zusammen und spürte noch, dass sich etwas über mich beugte An . Aus . AN. AUS. Es erklang ein zischen und irgendjemand hustete ein paar Mal. Ich öffnete die Augen und sah in das Gesicht eines freundlich lächelnden Mannes, der einen etwas seltsamen Schnauzer trug. „ Hat mein alter Taucheranzug dich erschreckt mein Junge?“ Er lächelte mich entschuldigend an und zeigte mit dem Finger auf seinen Taucherhelm, der fast wie eine Kugel aussah und Bullaugen an allen Seiten hatte. Das Auge des Riesenpolypen! „ Das wollt ich nicht. Tut mir leid! Da hast du aber wirklich ganz schönen Mist gebaut, Kleiner. Dir muss doch arschkalt sein, wie man heut zu Tage zu sagen pflegt.“ Dabei musste er so lachen, als wenn er einen großartigen Witz gemacht hätte. „ Hier ich hab da was für dich“ Er hielt mir eine Jacke hin, die mir bis über die Hüften ging. Sie war aus Leder und mit Pelz gefüttert. Eine blaue Hose und schwarze Stiefel. Dann stülpte er mir noch leicht schnaufend, der Taucheranzug schien sehr schwer zu sein, eine Pudelmütze über den Kopf. Die Klamotten waren trocken und warm. Ich genoss die Wärme die meinen nassen, eiskalten Körper umhüllte. Er lies sich plumpsend auf den Boden fallen. „ Das sind meine alten Schiffsklamotten. Nichts dolles, aber was anderes hab ich in der Eile nicht gefunden. Dir wird’s helfen.“ Wir sahen uns einen Moment lang direkt in die Augen. Mir wurde klar, dass ich dieses Gesicht niemals in meinem Leben vergessen würde. „ Ich danke ihnen, Herr ?“ Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „ Ach, dass hab ich doch gern gemacht. Das war so zu sagen mein Wunsch.“ Er fasste nach seinem Taucherhelm. „ So jetzt muss ich aber wieder los.“ Ich sah ihn erschrocken an. „ Sie wollen mich doch hier nicht wieder alleine lassen. Das können Sie doch nicht machen.“ Er spürte die Panik in meiner Stimme und sah mir deswegen wohl ganz sanft in die Augen. „ Mach dir keine Sorgen. Kaum bin ich wieder im Wasser, siehst du das Schiff schon auf dich zukommen. Hab keine Angst. Das wird schon.“ Er setzte sich fast leichtfüßig den schweren Helm wieder auf, sah in meine Richtung Und streckte einen Daumen in die Höhe. Dann sprang er mit den Füßen zuerst ins Wasser und verschwand in der Tiefe. Es sah erschreckend aus wie er einfach ins Nichts tauchte bis er nicht mehr zu sehen war. An . Aus . AN . AUS . Ich zog den Kragen der Jacke hoch und mir wurde klar, dass der Taucher recht haben musste, denn sein Schiff konnte ja nicht weit sein, denn er hatte ja keine Pressluftflaschen dabei und war ja mit Luftschläuchen an sein Schiff gefesselt. Die Schläuche waren mir gar nicht aufgefallen. Dann sah ich ein Licht immer größer werdend, auf mich zu kommen. Die Wasserschutzpolizei hatte mich entdeckt. Ich sah in erleichterte Gesichter als ich an Bord gebracht wurde. „ Na, da sind wir ja noch mal rechtzeitig gekommen “, sagte der Kapitän des kleinen Rettungsbootes lächelnd zu mir. „ Aber ohne den Taucher den Sie mir geschickt hatten, hätte ich es nie geschafft.“ „ Welchen Taucher ?“ fragte mich der Kapitän verblüfft. Als ich von ihm erzählte, erntete ich nur fragende Gesichter. Mit anderen Worten hielten es alle für eine spinnernde Halluzination eines fünfzehnjährigen der fast erfroren wäre. Wo ich denn die Klamotten her hatte, wurde ich überhaupt nicht gefragt, da alle davon ausgingen, ich hätte die auf der Boje gefunden. Ich aber wollte von meiner Geschichte mit dem Taucher nicht abrücken, da ich sie doch tatsächlich erlebt hatte. Als aber ein paar Wochen nach dem Vorfall meine Mutter mit Tränen in den Augen vor mir stand und meinte, wenn ich nicht von der Geschichte abstand nehmen würde, müsste ich bald in eine Nervenklinik. Also hörte ich auf damit. Gut zehn Jahre später schenkte mir zu meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag ein guter Freund ein Buch mit dem Titel: „ Katastrophen, Unglücke und Schicksale“ Über ein Jahr warf ich keinen Blick hinein, doch dann eines Abends nahm ich mir ein Gläschen Portwein nuckelte daran herum und blätterte in diesem Buch. Der Schein meiner Stehlampe, warf ein gedämpftes Licht in das Zimmer. Dann las ich etwas von einem Unglück, welches mehr ein harter Schicksalsschlag für eine einzelne Person war. Bei einer Havarie von einem Schlepper und einer Fähre ging ein fünfzehnjähriger Junge über Bord und ertrank. Der Vater des jungen Mannes wurde daraufhin Taucher um seinen Sohn, sei er auch tot, dem Meer wieder zu entreißen. Zwei Jahre suchte der Mann an der Stelle in der Ostsee wo sein Sohn über Bord gegangen war. Eines Nachts weckte er den Schiffseigner Wilhelm Meyer, mit dem er eng befreundet war, und drängte ihn dazu noch einmal mit ihm raus zu fahren, weil sein Sohn ihn gerufen hätte. Der Schiffseigner willigte ein unter der Bedingung, dass das der letzte Tauchgang für alle Zeit sein würde. Er sollte auf bittere Weise Recht behalten, denn sie wurden von einem Unwetter überrascht und kehrten beide nicht mehr aus der Ostsee zurück. Unter dem Bericht war eine Karte, wo drauf die Stelle markiert war, an der die beiden ihren letzten Tauchgang bestritten. Es war genau die Gegend, wo ich auf meiner Boje gesessen hatte. Daneben war noch ein Foto von beiden, wie sie beide an Deck der „Emma“ standen. Wilhelm Meyer hatte die Hand auf die Schulter von Heinrich Stacksen gelegt und Heinrich Stacksen war genau der Mann, der mit mir zusammen auf meiner Boje gesessen hatte. Ich erkannte ihn sofort! Aber dennoch konnte es nicht sein, denn Heinrich Stacksen ertrank 1924 ! Doch die Kleidung die er auf dem Foto getragen hatte, die hängt heute noch in meinem Schrank. Das kann ich beschwören. |
11. Oktober
Molotow / Reeperbahn
13. Dezember
Molotow / Reeperbahn
4. 9. 2010
MTV Horst
Horst
21 Uhr
Einlass ab 19.30
07.09.10
IFA Berlin
13 UHR
15.09.10
NDR2 Radio - Soundcheck
21 Uhr Live Interview mit
Pape und Vorstellung des Albums
17.09.10
Hamburger Stadtpark
18.09,.10
Hamburger Stadtpark
05.11.10
RTL Chartshow
20 Uhr 15